Was bedeutet es, seit über 30 Jahren Digitalisierung aktiv mitzugestalten und dabei als Frau in einer stark männlich geprägten Branche Verantwortung zu übernehmen?
Anlässlich des Weltfrauentags haben wir mit Frauen bei NAVAX Software gesprochen. Über ihren persönlichen Weg, ihre Erfahrungen und ihren Blick in die Zukunft.
Im zweiten Teil unserer Reihe erzählt Martina Neumayr, Co-CEO der NAVAX Software, warum Führung für sie Verantwortung und nicht Privileg ist, weshalb Sichtbarkeit eine zentrale Rolle für Chancengleichheit spielt und warum echte Gleichberechtigung bereits im Kinderzimmer beginnt.
Ein Gespräch über Pionierarbeit, Werte und den Mut zur Sichtbarkeit.
Martina, du bist seit 2023 Geschäftsführerin der NAVAX Software. Wie hat dich dein beruflicher Weg in die IT und dann zu NAVAX Software geführt?
Über 30 Jahre war ich für nationale und internationale Auskunfteien tätig. Das Datengeschäft im Kreditrisikomanagement ist seit Anfang der 90er Jahre eng mit der Digitalisierung von Prozessen und deren Umsetzung in Software und Systeme verbunden.
Ich war von Anfang an dabei, als beleghafte Auskunftsberichte durch die Einführung von Schnittstellen, Datenpaketen, Scorekarten und automatisierte Risikosoftware Lösungen ersetzt wurden. Das war damals Pionierarbeit im deutschsprachigen Raum, gestartet bei den Banken und Telcos.
Ich erinnere mich noch gut: Als junge Frau saß ich Entscheidungsträgern gegenüber, die zu 98 Prozent Männer waren und der IT-Automatisierung eher skeptisch gegenüberstanden. Gemeinsam haben wir diese neue Zukunft gestaltet.
Heute bin ich Geschäfstführerin bei der NAVAX Software. In der IT-Branche, besonders in Deutschland, bin ich damit leider immer noch eine Ausnahme.
Gab es prägende Schlüsselmomente oder Entscheidungen in deiner Karriere?
Ja, mehrere.
Meine Entscheidung, für die SCHUFA das Neuland zu betreten und “diese neuen Scorekarten” in den Markt einzuführen, war sicherlich die Schlüsselentscheidung für meinen heutigen beruflichen Kontext.
Fünf Jahre später wechselte ich zu einem ersten Global Player, Dun & Bradstreet (D&B). Ein weiterer Meilenstein. Dort wie auch später bei Experian wurde mir kontinuierlich mehr Verantwortung übertragen und ich wurde in meiner Entwicklung sehr unterstützt. Wir haben unter sehr herausfordernden Rahmenbedingungen Unmögliches möglich gemacht.
Visionäre Zielsetzungen und das Arbeiten in internationalen Teams, mit wundervollen Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, die so viele fortschrittliche Kompetenzen eingebracht haben, haben mich enorm bereichert und geprägt.
Was hat dich auf dem Weg nach oben am meisten motiviert?
Verändern und gestalten zu können und dabei sichtbare Erfolge zu erzielen. Menschen in ihren Kompetenzen zu entwickeln und sie in dem, was sie begeistert, erfolgreich zu machen, gemeinsam etwas zu schaffen, das vorher undenkbar war.
Die Energie und die Dynamik, die daraus entsteht, motiviert und begeistert mich immer wieder.
Was hat dich vielleicht auch herausgefordert?
Menschliche Verhaltensweisen und solche Rahmenbedingungen, die ich nicht mit meinem Wertekanon überein bringen konnte. Fehlende Gestaltungsfreiheit, Initiativen und Veränderungsbereitschaft.
Was bedeutet gute Führung für dich?
Führung ist für mich Verantwortung und nicht Privileg. Gute Führung bedeutet, den Menschen einen Handlungsrahmen zu geben, sie zu befähigen, ihre Stärken zu stärken und über sich hinauszuwachsen. Ziel ist es, dass sie ihre Aufgaben mit Energie und Leidenschaft erfüllen können. Das geht einher mit konstruktiver stetiger Selbstreflexion und dem Blick nach vorn.
Hat sich dein Führungsstil im Laufe der Karriere verändert? Wenn ja, wodurch?
Ja, sicherlich.
Es macht einen Unterschied, ob man kleine Teams direkt führt oder über mehrere Führungsebenen hinweg Verantwortung trägt. Mit wachsender Verantwortung verändern sich auch die Führungsmittel.
Geprägt haben mich vor allem die vielen persönlichen Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre und die vielen Ausbildungen und sehr guten Coachings. Sie haben mir geholfen, Situationen und mich selbst zu reflektieren, mich zu entwickeln.
Heute sehe ich einen großen Vorteil darin, dass wir Menschen mit zunehmendem Alter in die große Erfahrungsschatzkiste greifen können und viele Dinge bereits erlebt haben, um besonnener agieren zu können.
Welche Werte sind dir in der Zusammenarbeit mit den Teams besonders wichtig?
Verantwortungsbewusstsein, Offenheit und Aufgeschlossenheit für Neues, die Perspektiven anderer, Lösungsorientierung, konstruktives Feedback und Respekt.
Hat sich die Rolle von Frauen in der Branche in den letzten Jahren aus deiner Sicht verändert?
Ja, eklatant und dennoch nicht genug.
Ich komme noch aus einer Zeit, in der es den Beruf der Datentypistin gab, ein typischer Frauenberuf mit wenig Bezug zur IT. Solche Berufe sind verschwunden, andere anspruchsvollere hinzugekommen. Wir haben heute bei NAVAX Testmanagerinnen, Software Developerinnen, UI/UX Verantwortliche, IT Consultants, Managerinnen, usw.
Sehr viele Talente wurden inzwischen gefördert, immer noch zu wenig im deutschsprachigen Raum. Das liegt aus meiner Sicht an unserem Ausbildungssystem, an immer noch vorhandenen Rollenbildern und an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ich war viele Jahre auch in Osteuropa und Asien tätig und habe erleben dürfen, dass es dort viel mehr Gleichheit in der schulischen (mathematischen und naturwissenschaftlichen) Ausbildung und der späteren Berufswahl und den Talenten gibt. In Deutschland und Österreich haben wir noch Aufholbedarf. Im Middle Management rücken Frauen auch hierzulande in der IT immerhin zaghaft nach.
Wo siehst du aktuell noch die größten Hürden?
Wir haben in Deutschland und Österreich noch zu wenige ausgebildete Frauen in technischen Berufen. Das ist eine Kettenreaktion, die im Kinderzimmer beginnt und sich bis in die Vorstandsetagen zieht.
Solange Mädchen weiterhin durch Rollenbilder und Glaubenssätze wie „Mathe musst du als Mädchen ja auch nicht können“ von technischen Themen ferngehalten werden, fehlt uns die Basis an qualifizierten Fachfrauen.
Wo Vorbilder fehlen, wird der Weg in die Leitungsebene zur Ausnahme statt zur Norm.
Welche Rahmenbedingungen müssen Unternehmen schaffen, damit mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen können?
Wir brauchen ein kulturelles Umdenken für die Berufswahl und strukturelle Fairness bei Themen wie Elternzeit, Pflege, Betreuung. Solange systembedingte und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu Ungleichheiten führen, müssen Unternehmen möglichst flexibel für ihre Mitarbeiterinnen sein. Das betrifft Arbeitszeiten und Einsatzorte, damit doppelt belastete Frauen eine gleiche Chance haben.
Für mich ist eine rollenbasierte geschlechterneutrale Entlohnung selbstverständlich, ist es aber noch nicht überall. Da wird das Entgelttransparenzgesetz weiterhelfen.
Wir brauchen mehr sichtbare Vorbilder in der Berufswelt.
Die Menschen müssen nach Kompetenzen und nicht nach Geschlecht in die Berufswahl und ihre Karrieren gehen. Unternehmen können gezielt die Sichtbarkeit von berufstätigen Frauen unterstützen und auf diese Weise Mädchen früh neue berufliche Perspektiven aufzeigen. Erfolgreiche Frauen können durch Unternehmen also noch viel mehr herausgestellt werden.
Aber es fängt vorn an, wenn ich keine Bewerberinnen bekomme, kann ich sie nicht in gleichem Maße entwickeln wie die männlichen Pendants. Hier gilt es anzusetzen.
Was können Führungskräfte konkret tun?
Kompetenzen erkennen und gezielt entwickeln ist eine generelle Führungsaufgabe. Wir bei NAVAX Software ermutigen unsere Mitarbeiter, sich Feedback einzuholen. Es ist immer wieder wundervoll zu sehen, wie die Rückmeldungen der Kolleginnen und Kollegen das Selbstbewußtsein stärken.
Viele Frauen sind es nicht gewohnt, ihre Erfolge sichtbar zu machen oder reden ihre Erfolge klein. Führungskräfte müssen weibliche Talente oft aktiv auffordern, über ihre Erfolge zu sprechen, ihre Kompetenzen zu benennen und den nächsten Schritt zu gehen.
Sichtbarkeit kann vielfältig sein. Rede- und Präsentationszeiten in Workshops und Meetings. Danksagungen. Aber auch die Abstimmung von flexiblen Arbeits- und Arbeitszeitmodellen.
Welche Veränderungen wünschst du dir für die nächste Generation?
Zunächst einmal wünsche ich mir, dass sich mehr Frauen überhaupt für die Tech-Welt entscheiden.
Dann, dass sie ihre Entwicklung selbstbewußt forcieren und einfordern, statt darauf zu warten, entdeckt zu werden.
Dass sie stolz auf die eigenen Leistungen sind und diese auch sichtbar vertreten. Als Zeichen von Selbstverständlichkeit.
Damit sie auch anderen ein Vorbild sind und die Leistungen von Frauen nicht zu etwas Besonderem, sondern etwas Normalem machen.
Gab es Vorbilder, die dich inspiriert haben?
Ich hatte eine wundervolle Führungskraft, Corinne Lleti. Sie ist für mich eine wertvolle Mentorin gewesen und ein Role Model für team- und performancemotivierte Führung. Außerdem Manjit Mandeir, eine der besten Coaches, denen ich je begegnet bin.
Welchen Rat gibst du jungen Frauen?
Sei stolz auf deine Leistung und zeige sie. Konzentriere dich auf das, was du kannst und nicht auf das, was du nicht kannst.
Was bedeutet der Weltfrauentag für dich?
Bei allen technologischen Fortschritten nehme ich eine rückschrittige Entwicklung wahr, für viele Frauen in der Welt, auch in unserer Gesellschaft.
Tägliche Diskriminierung, die subtilen Sprachmuster, stereotype Denkmuster, die faktische Ungleichheit in Zugang zu Bildung, die Ungleichverteilung in den jeweiligen Berufssparten, die ungleich verteilten Betreuungszeiten von Kindern und Pflegebedürftigen bis hin zu Gewalt gegen Frauen ... Die Liste an Herausforderungen für Frauen in diesen Zeiten ist lang. Wir sind weit entfernt von der Gleichstellung von Frauen und Männern.
Deshalb ist es wichtig, an diesem Tag besonders auf die Situation von Frauen aufmerksam zu machen.
Meine Schwiegermutter gratuliert mir seit vielen Jahren an diesem Tag. Sie ist in Ostdeutschland aufgewachsen und wurde vor über 50 Jahren als Elektrikerin ausgebildet. Für sie war und ist dieser Tag gelebte Selbstverständlichkeit.
Ich wünsche mir sehr, dass wir eines Tages endlich dahin kommen, dass es in dieser Welt selbstverständlich ist, dass Frauen und Männer alle Berufe erlernen können, die ihren Kompetenzen entsprechen und dass Frauen gleichermaßen geachtet werden und sich in Freiheit entwickeln können.
Bis dahin gilt es sich weiter für die Gleichberechtigung von Frauen einzusetzen. Nicht nur am 8. März.
Liebe Martina, vielen Dank für dieses Gespräch!