Was bedeutet es heute, als Frau in der IT zu arbeiten und Führung zu übernehmen? Welche Veränderungen braucht die Branche und was können wir selbst dazu beitragen?
Anlässlich des Weltfrauentags sprechen wir mit Frauen bei NAVAX Software über ihren persönlichen Weg, ihre Erfahrungen und ihren Blick in die Zukunft.
Den Auftakt macht Ivonne Ulbrich, Managerin Software Development. Im Gespräch erzählt sie, warum sie bewusst Sicherheit gegen Wachstum eingetauscht hat, weshalb Führung für sie vor allem Vertrauen bedeutet und warum die Arbeitswelt durch KI vor einem grundlegenden Wandel steht. Gleichzeitig spricht sie offen darüber, was sich für Frauen in der IT bereits verbessert hat und wo noch Handlungsbedarf besteht.
Ein Gespräch über Mut, Mindset und die Kraft von Vielfalt.
Liebe Ivonne, du bist seit Februar 2022 bei NAVAX als Manager Software Development. Was hat dich ursprünglich an der IT fasziniert und was hält dich bis heute in der Branche?
Mein Weg in die IT begann eigentlich mit der Liebe zu Logikrätseln. Schon im Informatikunterricht hat mich fasziniert, wie man mit Mathematik und logischem Denken komplexe Aufgaben lösen kann. Nach dem Abitur war das Studium daher der logische nächste Schritt.
Was mich bis heute begeistert, ist die Dynamik, dass es keinen Stillstand gibt. Jeden Tag entstehen neue Möglichkeiten, die gestern noch undenkbar waren. Es ist unglaublich spannend, in einem Bereich zu arbeiten, dessen Entwicklungen unseren Alltag und das gesellschaftliche Miteinander nachhaltig prägen.
Wenn du auf deinen Karriereweg zurückblickst: Gab es einen Schritt, der besonders mutig oder richtungsweisend war?
Rückblickend gab es zwei entscheidende Momente: Der eine erforderte Mut, der andere gab die Richtung vor.
Nach 16 Jahren in einer sicheren Management-Position den Schritt zu NAVAX zu wagen, wurde von außen oft als mutig bezeichnet. Tatsächlich war es die bewusste Entscheidung, Sicherheit gegen neues Wachstum einzutauschen.
Richtungsweisend war für mich jedoch schon viel früher die Einführung agiler Arbeitsweisen vor fast 15 Jahren. Das hat mein Verständnis von Führung grundlegend verändert: weg von starren Hierarchien, hin zu einem menschenzentrierten Blick auf Teams. Dieser Mindset-Shift prägt meine Arbeit bis heute.
Wie würdest du die Arbeitskultur bei NAVAX Software beschreiben?
Unsere Arbeitskultur befindet sich in einem positiven Wandel hin zu einer stärkeren Mitarbeiterorientierung. Es geht nicht mehr nur um nackte Zahlen, sondern auch um die Menschen dahinter. Diese Entwicklung schafft Raum für Verantwortung, Vertrauen und echte Zusammenarbeit.
Gab es einen Moment in deiner Karriere, auf den du besonders stolz bist?
Mein stolzester Moment war mein Abschied in der alten Firma: Zu sehen, wie viele Kollegen und Wegbegleiter sich persönlich verabschieden wollten und das besondere Geschenk der Kollegen waren eine großartige Bestätigung meiner Arbeit. Dass viele dieser Kontakte bis heute bestehen, zeigt mir, dass ich vieles richtig gemacht habe.
Was war für dich die wichtigste Lernkurve auf dem Weg in eine Führungsrolle?
Die wichtigste Lernkurve war für mich die Erkenntnis, dass Führung kein Standardrezept ist. Jeder Mensch ist einzigartig und braucht eine individuelle Ansprache. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion. Ich musste lernen, mein eigenes Handeln ständig zu hinterfragen und mich anzupassen. Dieser Prozess ist für mich aber nicht abgeschlossen. Ich sehe mich auch heute noch als Lernende und nehme jeden Tag neue Impulse aus der Zusammenarbeit mit dem Team mit.
Was bedeutet Führung für dich?
Mein Führungsverständnis basiert auf zwei Säulen: Vertrauen und individuelle Entwicklung. Ich investiere so viel Zeit wie möglich darin, mein Team wirklich kennenzulernen, um situativ führen zu können.
Mein Naturell ist eher harmonieorientiert, was mir hilft, Konflikte frühzeitig zu moderieren und eine positive Teamdynamik zu fördern. In der IT-Branche habe ich die Erfahrung gemacht, dass genau diese menschliche Komponente oft der Schlüssel ist, um komplexe technische Herausforderungen gemeinsam zu meistern.
Woran erkennst du, dass du als Führungskraft einen guten Job machst?
Mm Wachstum meines Teams. Wenn aus Potenzial echte Performance wird und Mitarbeiter Positionen besetzen, die sie sich anfangs nicht zugetraut hätten. Und auch daran dass ich mich Stück für Stück ‚überflüssig‘ mache, weil meine Mitarbeiter kompetenter und selbstsicherer werden.
Fachliche Exzellenz oder Teamkultur - was ist dir wichtiger?
Ich betrachte das als ein Zusammenspiel: Fachliche Exzellenz sorgt für die Qualität unserer Arbeit, die Teamkultur für die Geschwindigkeit und Belastbarkeit. Ohne Wissen leidet das Ergebnis, ohne Kultur die Motivation und die Kommunikation.
Wie nimmst du die Rolle von Frauen in der IT heute wahr?
Im Vergleich zu meinem Karrierestart vor 20 Jahren hat sich viel getan. Damals war ich als eine von nur vier Frauen im Hauptstudium eine absolute Ausnahme und musste mir Sprüche anhören, dass Frauen weniger geeignet seien. Dieses Denken ist heute weitgehend verschwunden.
Trotzdem spüre ich, dass sich Frauen in der IT oft noch einen ‚Sichtbarkeits-Bonus‘ erarbeiten müssen. Da wir zahlenmäßig noch immer stark in der Unterzahl sind, bleibt oft das Gefühl, doppelt so viel leisten zu müssen, um denselben Respekt wie die männlichen Kollegen zu erhalten.
Gab es Situationen, in denen du besonders gemerkt hast, dass die IT-Branche noch männlich geprägt ist?
Besonders deutlich wird das Ungleichgewicht natürlich immer dann, wenn man als einzige Frau mit am Tisch sitzt. Ich sehe das jedoch eher als strukturelles Thema der Branche und weniger als persönliches Hindernis. Ich gehe damit ganz natürlich um - Unterschiede in der Herangehensweise zwischen den Geschlechtern gibt es zwar punktuell, aber auf professioneller Ebene hat die Zusammenarbeit für mich immer hervorragend gepasst.
Was hat dir persönlich geholfen, dich fachlich und beruflich weiterzuentwickeln?
Mein Motor ist mein persönlicher Ehrgeiz, immer die beste Lösung zu finden. Entscheidend für meinen Weg waren aber auch die Menschen um mich herum – Kollegen und auch Vorgesetzte, die mich gefordert und gefördert und an mich geglaubt haben.
Welche Stärken bringen Frauen deiner Meinung nach besonders häufig in IT-Teams ein?
Ich bin überzeugt, dass Diversität im Allgemeinen ein entscheidender Erfolgsfaktor für Teams ist. Frauen bringen oft eine starke kommunikative Kompetenz und eine hohe Empathie mit, was die Zusammenarbeit verbessert. Außerdem zeichnen sich Frauen häufig durch eine strukturierte Arbeitsweise und eine ganzheitliche Problemlösungskompetenz aus.
Wenn verschiedene Blickwinkel aufeinandertreffen, entstehen weniger blinde Flecken bei der Softwareentwicklung. Das erhöht die Qualität der Produkte und hilft, festgefahrene Denkmuster durch neue Perspektiven aufzubrechen.
Hast du das Gefühl, dass Vielfalt die Art verändert, wie Teams Probleme lösen?
Ja definitiv.
Was müsste sich in der Branche noch verändern, damit mehr Frauen den Weg in die IT finden und bleiben?
Wir müssen das Problem an der Wurzel packen. Die IT teilt sich hier das Schicksal aller MINT-Berufe: Das Fundament wird in der Erziehung und in der Schule gelegt. Wenn wir wollen, dass Frauen in die IT gehen, müssen wir schon bei Mädchen das Interesse wecken, Berührungsängste nehmen und eine vorurteilsfreie Unterstützung durch das Bildungssystem garantieren. Das Bleiben ist dann nach meiner Erfahrung kein Problem mehr.
Wie schaffst du in deinem Team ein Umfeld, in dem Menschen Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln können?
Indem ich Verantwortung nicht nur einfordere, sondern durch Vertrauen ermögliche. Ich unterstütze mein Team mit positivem Zuspruch und gebe ihnen die Geduld und die Sicherheit, die sie brauchen, um über sich hinauszuwachsen.
Welche Herausforderungen bringt es mit sich, technische und organisatorische Verantwortung zu verbinden?
Wer technisch versiert ist neigt dazu, Probleme selbst lösen zu wollen (besonders, wenn es brennt). Die Herausforderung ist, dass man akzeptieren muss, dass das Team technische Entscheidungen trifft, die man selbst vielleicht anders gelöst hätte. Greift man deshalb zu oft ein, wird man zum Micromanager und bremst die Entwicklung des Teams. Hält man sich zu sehr raus, verliert man den technischen Überblick.
Welchen Rat würdest du Frauen geben, die eine Führungsrolle in der IT anstreben?
Erstens: Das Selbstvertrauen stärken und den Sprung ins kalte Wasser wagen.
Zweitens: Die Initiative ergreifen. Eine Führungsposition in der IT wird einem selten angeboten, man muss sie aktiv anstreben. Mein Rat ist daher, den Wunsch nach Verantwortung offen zu artikulieren und sich den Raum für die eigene Karriere aktiv zu nehmen.
Welche Veränderungen in der IT-Welt findest du aktuell besonders spannend?
Das spannendste Thema ist für mich die Symbiose aus KI und dem zukünftigen Arbeitsalltag, aber auch der Gesellschaft allgemein. Wir stehen vor dem Ende der 'Fleißarbeit'. KI übernimmt das Grundrauschen, wodurch wir Menschen uns wieder auf strategisches Denken, Empathie und komplexe Problemlösungen konzentrieren können.
Welche Kompetenzen werden aus deiner Sicht in Zukunft für IT-Teams immer wichtiger?
Kompetenzen im Bereich KI, denn KI wird keine Fachkräfte ersetzen, aber Fachkräfte, die KI beherrschen, werden diejenigen ersetzen, die es nicht tun.
Außerdem wird die Synergie im Team entscheidend sein, vor allem eine offene Kollaborationskultur und ein Umfeld, das Kreativität aktiv ermöglicht.
Die Arbeitswelt in fünf bis zehn Jahren: was sollte sich bis dahin unbedingt verbessert haben?
Wenn man die aktuellen Trends konsequent weiterdenkt, sind es drei Bereiche:
Gab es eine Person, die dich auf deinem Weg besonders unterstützt oder inspiriert hat?
Ich hatte das Glück, in jeder Lebensphase Menschen an meiner Seite zu haben, die an mich geglaubt haben. Dieser rote Faden zieht sich bis heute durch mein Leben. Ich lerne täglich von Menschen, die Dinge anders angehen als ich.
Gab es einen Rat, den du früh in deiner Karriere bekommen hast und der dich bis heute begleitet?
Der wertvollste Rat meiner Karriere war: Reagiere auf Konflikte mit Nähe. Also geh bei Konflikten einen Schritt auf die Person zu, statt weg. Diese Strategie verwandelt eine Konfrontation in eine Kooperation.
Was motiviert dich an schwierigen Arbeitstagen?
Es sind die Menschen um mich herum. Ein kurzes motivierendes Wort oder der Austausch mit den Kollegen hilft mir, genauso wie die positive Dynamik im Team.
Woran merkst du nach einem Arbeitstag: „Heute war ein guter Tag“?
Für mich war es ein Erfolg, wenn ich mit einem Lächeln im Gesicht das Büro verlasse. Dieses Gefühl, förmlich nach Hause zu schweben, zeigt mir, dass die Zusammenarbeit im Team harmonisch war und die Ergebnisse einfach gestimmt haben.
Was würdest du deinem jüngeren Ich am Anfang deiner Karriere raten?
Führung beginnt immer bei dir selbst. In der Euphorie des Karrierestarts vergisst man oft, dass die eigene Belastbarkeit und Klarheit das Fundament für das Team sind. Ich würde früher in Selbstreflexion und systematisches Selbstcoaching investieren. Nur wenn ich meine eigenen Antreiber und Grenzen kenne und es mir mental wie physisch gut geht, kann ich für andere der Kompass sein, den sie brauchen.
Was bedeutet der Weltfrauentag für dich persönlich?
Ich nehme die Glückwünsche gerne an, aber eigentlich ist mein Wunsch ein anderer - dass Frauen weltweit jeden Tag die gleiche Wertschätzung erfahren. Ein einzelner Tag im Kalender ist zwar nett, ersetzt aber nicht den Respekt im Alltag, auf den es wirklich ankommt.
Liebe Ivonne, vielen Dank für dieses Gespräch.